Behandlungsverlauf
Hier
ein Bericht über einen 6jährigen Jungen:
Sohn
S., ein eher untypisches KISS-Kind
S. kam im Oktober
2002 nach 3 Stunden Wehen und nur 5 Minuten Kreißsaal gesund zur Welt. Auch
die Schwangerschaft war problemlos verlaufen.
Die ersten
Wochen lief alles super. S. schlief 4 Stunden am Stück und das Stillen klappte
an beiden Seiten gut. Nach dem Trinken hatte er zwar ein wenig mit Bauchweh zu
kämpfen, aber die Schmerzen hielten nicht lange an, also dachten wir darüber
nicht weiter nach.
Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hatte er
keine Lieblingsseite und auch keine Probleme in der Hüftentwicklung. Wir
wunderten uns nur über seinen "starken" Rücken: in senkrechter
Position auf dem Arm hielt S. den Oberkörper ganz gerade. Nur das Köpfchen
mussten wir etwas unterstützen, damit es nicht nach hinten wegkullerte. Im
Nachhinein weiß ich, dass es eine leichte Überstreckungstendenz und
auch das eindeutigste KISS-Symptom war, das er jemals gezeigt hat. Da wir zu der
zeit davon aber noch nichts wussten, waren wir nur stolz auf seine Kraft
Bis
S. 5 Monate alt war, hatten wir ein zufriedenes, ausgeglichenes Kind, was nur
weinte, wenn er Hunger hatte oder müde war. Ich wunderte mich zwar manchmal
darüber, dass seine Ärmchen so angespannt zitterten, wenn er nach etwas
griff, aber ich schob es auf die Aufregung, die er vermutlich bei den ersten Spielversuchen
empfand. Auch bedrückte es uns, dass der Kleine so oft erkältet war.
Er war sogar trotz der Muttermilch mit 5 Wochen schon 8 Tage in der Kinderklinik,
weil eine Bronchitis nicht von der Ärztin erkannt worden war, und sich zu
einer schweren Lungenentzündung entwickelt hatte. Aber gut, die große
Schwester war auch ständig erkältet und sie steckte ihn natürlich
an
Im Alter von 5 Monaten war vorbei mit der Harmonie.
S. wurde unzufrieden, weinte sehr viel und war nur ruhig, wenn er auf dem Arm
gehalten wurde. Zu der Zeit rechnete ich mit den ersten Drehversuchen und gezieltem
Greifen nach weiter entfernten Gegenständen, wie ich das aus der Entwicklung
S.´s älterer Schwester kannte. Beides blieb aus. Stattdessen wurde
er von Tag zu Tag unzufriedener.
Darauf angesprochen
meinte die Kinderärztin, S. sei ein sehr großes Kind ein solche Kinder
bräuchten eben mehr Zeit für die Koordination der Bewegungen. Das viele
Weinen sei ein Zeichen dafür, dass er meine Nähe vermisse. Ich solle
mir daher überlegen, ob mir der Beruf wichtiger sei als mein Kind. Da ich
zu der Zeit noch im Erziehungsurlaub und somit rund um die Uhr für mein Kind
da war, war ich durch diese Worte tief verletzt und mein Vertrauen zu der Ärztin
dahin.
Die Zeit verstrich. S. schrie nun sowohl tagsüber
als auch nachts aus Leibeskräften und motorisch tat sich nichts. Meine neue
Kinderärztin meinte wie ihre Vorgängerin, ein Kind, was mit 6 Monaten
75 cm messe, sprenge jede Wachstumskurve und es sei nicht weiter verwunderlich,
dass S. sich mit der Bewegungskoordination schwer tue. Die Antwort stellte mich
nur bedingt zufrieden. Wenn er selbst so frustriert war, warum machte er denn
noch nicht einmal den Versuch, sich zu drehen? Die Ärztin versprach mir Physiotherapie
zu verschreiben, wenn S. in den nächsten 8 Wochen nicht lernen würde,
sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Einigermaßen beruhigt fuhr
ich heim.
2 Wochen vor Ablauf des Physiotherapieultimatums
drehte S. sich erstmals vom Rücken auf den Bauch. Die weitere motorische
Entwicklung verlief nach dem gleichen Muster: ich klagte mein Leid vor der Ärztin,
sie versprach Physiotherapie (hätte sie doch bloß mal verschrieben!!)
und 2 Wochen vor Ablauf des Ultimatums erreichte S. den nächsten Meilenstein.
Er drehte sich mit 8 Monaten, setzte sich mit 10 Monaten hin, krabbelte mit
12 und Lief mit 19 Monaten.
Ich hatte erwartet, dass
S. mit Zunahme seiner motorischen Fähigkeiten ausgeglichener werden würde.
Es änderte sich jedoch nichts! Auch nachts verlangte er nach wie vor jede
Nacht eine Flasche, manchmal sogar 2. Ein großes Kind braucht eben mehr
Nahrung, dachten wir. Aber gewundert haben wir uns schon, denn die große
Schwester war auch nicht gerade klein und schlief bereits mit 3 Monaten jede Nacht
durch.
S. konnte jetzt zwar laufen, er konnte jedoch
keine 10 Meter gehen, ohne dabei 3x hinzufallen. Sprachlich war er zu der Zeit
noch altersgemäß entwickelt. Er sprach einige Wörter und fing
kurz vor dem 2. Geburtstag auch brav mit 2-Wort-Sätzen an.
Obwohl
S. nun laufen UND ein wenig sprechen konnte, schrie er weiter wie am Spieß.
Auch nachts. Es war, als wisse er nichts mit sich anzufangen, als tappe er in
einem dunklen Raum herum, ohne nach der Tür oder Lichtschalter zu suchen.
Er kam nicht mal auf die Idee, so schien es!!
Mit gut
2 Jahren schrie S. nach wie vor die Nächte durch und die Schlaflosigkeit
brachte auch seine Eltern an den Rand der Verzweiflung. Sämtliche Ein- und
Durchschlafmethoden wurden ausprobiert, Wochen lang konsequent durchgehalten und
dann aufgegeben. Es half alles nichts! Das Umfeld hatte seine Meinung schnell
gebildet: nicht das Kind hatte ein Problem, sondern natürlich die Eltern!
Irgendwann habe ich es selbst geglaubt und mich in Erziehungskursen gestürzt.
Natürlich brachten auch diese uns keinen Schritt weiter. Dass unsere Große
auch mächtig unter der Situation zu leiden hatte, brauche ich wohl nicht
zu erzählen.
Eine Kollegin gab mir einen Artikel
über das KISS-Syndrom. Ich hatte schon mal etwas darüber gelesen, habe
es aber nicht auf S. bezogen, da immer nur von schreienden Neugeborenen, Gesichtsasymmetrien
und schiefen Köpfchen die Rede war. Nichts davon traf auf S. zu (als er anfing
zu schreien, konnte man ihn wohl nicht mehr als "Neugeborenes" bezeichnen).
Außerdem war und bin ich fest davon überzeugt, dass S.´s schreien
nicht schmerzbedingt (wie im Artikel erwähnt wurde) war, sondern aus Frust
und Wut über seine Unfähigkeiten und seine fehlenden Lösungsstrategien
geschah.
Beim nächsten Arztbesuch fing aber auch
die Kinderärztin an, ich solle S. doch mal auf KISS überprüfen
lassen. Sie wisse zwar selbst nicht so genau, was sie von den neuen Theorien halten
solle, man könne es aber mal ausprobieren. Also fuhr ich zu dem - von ihr
angegeben- Orthopäden, zu dem -wie ich später hörte- alle Eltern
mit ihren KISS-Kindern pilgern. Der Orthopäde hielt es noch nicht einmal
für nötig, sich den Rücken des Jungen genau anzusehen. Ausziehen
war nicht nötig, von Röntgen war gar keine Rede und nach einmal Kopf
nach vorne beugen meinte der Arzt, der Junge habe nichts. 5 Minuten später
waren wir wieder auf dem Heimweg. KISS war ausgeschlossen worden.
Mir war natürlich
klar, dass es eine 0-8-15-Diagnostik gewesen war, aber da ich KISS zu dem Zeitpunkt
eh für unwahrscheinlich hielt, machte ich mir darüber keine weiteren
Gedanken.
Aber was nun? Inzwischen war S. sowohl motorisch
als auch sprachlich, emotional und kognitiv deutlich zurück im Vergleich
zu anderen Kindern seines Alters. Er hatte angefangen zu stottern. Zuerst waren
es lockere Wortwiederholungen aber sein Gesicht verkrampfte dabei zusehends und
die Atmung stockte. Beim Zuhören blieb einem selbst die Luft weg. S. sprach
dann auch nur noch das Nötigste. Es gelang ihm unter größter Anstrengung
ab und an ein Wort auszuspucken, und er ging dann davon aus, dass wir wussten
was er meinte. Und wehe wenn nicht!!!
Nach einem Nervenzusammenbruch
meinerseits in der Kinderarztpraxis bekam ich endlich eine Verordnung für
logopädische Therapie. Bzgl. Der Motorik meinte die Ärztin nach wie
vor, das würde alles schon noch kommen
Die
logopädische Diagnostik ergab eine ausgeprägte Stotterproblematik im
Rahmen einer an der unteren Norm befindenden Gesamtsprachentwicklung. Die Logopädin
begann mit der Therapie, die S. viel Spaß machte.
Inzwischen
hatte ich eine berufliche Weiterbildung bei Frau Gudrun Kesper in Olpe angefangen.
Im Rahmen dieser Weiterbildung erfuhr ich ausführlich von KISS, persistierenden
frühkindlichen Reflexen und daraus resultierenden Wahrnehmungs- und Lernstörungen.
DAS war es! Hier wurde von meinem Kind gesprochen!!! Ich war sowohl erleichtert,
als auch wütend. Warum wussten die Kinderärzte dies nicht? Warum muss
man als Eltern alles selbst herausfinden?
Einmal zu
Hause wurde sofort ein Termin in Dortmund bei Dr. Sacher vereinbart. Leider sollte
es noch ein halbes Jahr dauern, bis S. erstmalig behandelt wurde. Zweimal musste
ich den Termin verschieben, weil S. genau an dem Tag aufgrund seiner hohen Infektanfälligkeit
mit 40 Grad Fieber im Bett lag. Dr. Sacher war damals noch alleine in seiner Praxis
und die Wartezeiten entsprechend. Da half auch ein Betteln am Telefon nichts
So
war S. schon gut 3 Jahre alt, als wir erstmals nach Dortmund fuhren. Ich hatte
in der Zwischenzeit die KISS-Kid-Seite im Internet entdeckt und hatte mich daher
schon gut informiert und mit den Müttern im Forum ausgetauscht.
Dr.
Sacher meinte: "Der hat aber ganz heftig was!!" Und wieder war ich erleichtert
und wütend zugleich. 3 Jahre Entwicklung dahin und zuerst zum falschen KISS-Arzt
gefahren, was hätten wir uns ersparen können, hätten wir dies alles
früher gewusst!!!!
S. wurde behandelt, was ihm
zwar nicht wehtat, ihn aber so erschrak, dass er aus purer Not wütend auf
mich losging. Dr. Sacher schnappte sich jedoch den Jungen, lief mit ihm auf dem
Arm durch die Praxis, zeigte ihm die coole Klobrille mit dem Rennauto und die
Eisenbahn im Behandlungszimmer. Dann war alles wieder gut.
"Es
könnte ein bissl rauf und runter gehen, die nächsten Wochen", sagte
der Doc. zum Abschied. 8 Wochen später sollten wir zur Kontrolle kommen.
Den
ersten großen Behandlungserfolg erlebten wir noch in der erstfolgenden Nacht:
S. schlief erstmalig in seinem Leben durch!!! Seitdem gehören die kinderbedingten
schlaflosen Nächte zu den absoluten Ausnahmen! Hurra!!!!!!
Ansonsten
stellte sich das "bissl rauf und runter" als die Hölle auf Erden
heraus. Die Reaktionszeit war unglaublich heftig. S. schrie mehr als je zuvor,
konnte seine Bewegungen noch schlechter koordinieren, fiel noch öfter hin
und das Sprechen ging die ersten Tage danach so gut wie gar nicht mehr. Mein Mann
fragte mich eines Tages, bei welchem Quacksalber ich denn gewesen sei. Alles war
schlimmer als je zuvor.
Nach 2 Wochen wurde das Sprechen
entspannter. Einige Tage danach sprach S. in lockeren Wiederholungen und noch
ein paar Tage später war das Stottern ganz weg. Unsere Freude darüber
lässt sich kaum in Worte fassen. Die Logopädin war höchst erstaunt
und schlug vor, die Behandlung vorerst zu beenden.
Motorisch
tat sich jedoch nicht viel. Auch die Wutanfälle wurden nicht weniger. S.
stotterte zwar nicht mehr, der Satzbau hatte sich aber auch nicht weiterentwickelt,
so dass er auch diesbezüglich weit zurück lag.
Mir war durch die
Weiterbildung klargeworden, welche Folgen die späte KISS-Behandlung bei meinem
Lütten hatte und dass ihm vor allem der Moro-Reflex ganz gewaltig im Weg
stand.
S. brauchte die gesamten 8 Wochen bis zum Kontrolltermin
um sich von der 1. Behandlung zu erholen. Er war gerade wieder "auf dem Teppich"
als der nächste Termin anstand. Es musste eine Kleinigkeit nachgebessert
werden und Dr. Sacher meinte, diesmal dürfte die Reaktionszeit nicht so heftig
werden. Auf den Moro angesprochen meinte er, ich solle dem Kleinen noch 1 Jahr
Zeit geben, die Entwicklung aufzuholen. Die Voraussetzungen seien jetzt da.
Die
Reaktionszeit war diesmal zwar nicht ganz so heftig, sie dauerte dennoch die vollen
8 Wochen. Es wurde immer deutlicher, wie sehr ihm das mangelnde Gleichgewicht
und die schlechte Koordinationsfähigkeiten zu schaffen machten. Dennoch sahen
wir, wie S. langsam aber sicher anfing, seine Entwicklungsverzögerung aufzuholen.
Seitdem
sind wir immer im Abstand von 6 Monaten zur Kontrolle nach Dortmund gefahren.
Ich wusste immer vorher, dass S. wieder blockiert war, denn dann verschlimmerten
sich seine Wutanfälle und die Gleichgewichtsstörungen. Nicht nur wir,
auch Dr. Sacher zeigte sich frustriert darüber, dass sich S.´s HWS
nicht stabilisieren ließ.
Der große Durchbruch
kam erst 1,5 Jahre nach der Erstbehandlung. Dr. Sacher meinte irgendwann am 4.
oder 5. Behandlungstermin, er wolle S. diesmal von der anderen Seite behandeln.
Es folgte eine Reaktionszeit wie nach der 1. Behandlung. Es war grausam, sogar
das Durchschlafen klappte einige Wochen lang nicht mehr. Wir waren völlig
verzweifelt, als der Spuk plötzlich aufhörte. Seitdem entwickelt unser
Sohn sich kontinuierlich. Er hat angefangen zu malen, das Gleichgewicht und die
Koordination haben sich deutlich gebessert und auch zeigte sich bei der letzten
Kontrolle im Dezember 2007, dass S. erstmalig nicht wieder ins alte Muster zurückgefallen
war!! Dr. Sacher war hoch erfreut über das mitgebrauchte Bild. Er meinte,
S. habe in den vergangenen 6 Monaten einen Entwicklungssprung von einem Jahr gemacht.
Der
nächste Termin steht im Dezember 2008 an. Es ist jetzt September und ich
glaube zwar, es liegt inzwischen wieder eine "Kleinigkeit" im HWS vor,
es ist aber lange Zeit sehr gut gegangen. Sowohl die Grob- als auch die Feinmotorik
haben sich enorm gebessert. Auch sprachlich hat S. im vergangenen ¾ Jahr
riesige Sprünge gemacht. Er ist zwar noch nicht ganz altersgemäß
entwickelt und er tut sich nach wie vor schwer, selbständig zu werden. Dennoch
ich bin jetzt zuversichtlich, dass er es bis zur Einschulung 2009 schaffen wird.
Die Wutanfälle kommen seit einigen Wochen wieder vermehrt (ein sicheres Blockadezeichen),
davor kamen sie aber phasenweise und nahm die Anzahl der guten Tage deutlich zu.
Wir
verdanken nicht nur Dr. Sacher und kiss-kid.de vieles, sondern auch unserer großartigen
integrativen Kindertagesstätte, die sehr schnell gesehen und gehandelt hat,
so dass S. eine Heilpädagogin an seiner Seite und jede Menge Förderangebote
bekam. S. ist außerdem 1 Jahr lang zu einer Ergotherapeutin gegangen, die
mittels der sensorischen Integrationstherapie auch vieles bei ihm erreicht hat.
Leider konnte sie sich aber keine direkte Aufarbeitung der Restreflexe vorstellen,
so dass sie manchmal für mein Gefühl knapp am eigentlichen Problem vorbeitherapiert
hat.
Aus diesem Grund wird S. Ende September mit INPP anfangen. Uns bleibt
noch 1 Jahr bis zur Einschulung und ich möchte meinem Sohn einen für
ihn optimalen Start ins Schulleben ermöglichen.
Ich werde berichten, ob
es geklappt hat!
