Behandlungsverlauf
Hier
ein Bericht über Ben:
Behandlungsverlauf
des Kiss-Syndroms in zeitlicher Reihenfolge bei meinem Sohn Ben.
Bei
der U3 stellte die Kinderärztin eine "Lieblingsseite" bei Ben fest.
In Rückenlage hielt er den Kopf nur nach rechts gedreht. Da er aber den Kopf,
wenn ich ihn auf dem Arm hielt, nur nach links drehte, konnte ich eine "wirkliche"
Einseitigkeit nicht festellen. Ich erhielt den Hinweis, die andere Seite verstärkt
anzusprechen und eine Überweisung wegen Asymmetriesyndrom zum Chiropraktiker
mit der Information, dass dieser mit drei "Zaubergriffen" das Problem
beheben würde (sinngemäß).
Da der empfohlene Arzt nur langfristig
freie Termine hatte und mir die Schwester der Praxis dessen Partner (Orthopäde
1) empfahl:
es bestünden in der Qualität ihrer Arbeit bei Säuglingen
keinerlei Unterschiede (sinngemäß), nahm ich den erstmöglichen
Termin (ganze sechs Wochen später!) bei ihm.
Schon weitere zwei Wochen
nach der U3 war auch für mich erkennbar, dass bei Ben in Rückenlage
eine Asymmetrie vorlag. Er sah aus wie ein C.
Meine Versuche entgegenzusteuern,
sei es durch Ansprechen von links, Licht von links, Spielzeug von links, beim
Schlafen auf die andere Seite drehen, waren "sinnlos". Er schaute trotzdem
nach rechts und lachte, obwohl ich auf der anderen Seite stand. Er weinte, wenn
ich ihn auf die "falsche" Seite legte usw...
Langsam erkannte ich
hier ein echtes Problem! Ich rief erneut in der Praxis an, um einen früheren
Termin zu erhalten. Die Dame meinte nur, selbst Kinder, die nur schreien und nicht
trinken können, kriegen keine früheren Termine (dass diese Probleme
auch mit der Asymmetrie zu tun haben können, wußte ich zu diesem Zeitpunkt
nicht!). Deshalb brachte ich auch unsere "kleinen" Schwierigkeiten beim
Stillen, nicht mit diesem Problem in Verbindung.
Ben "haschte"
mehr oder weniger "freischwingend" nach der Brust. Ich dachte, er sei
eben gierig, weil ich nicht merkte, dass es nur auf einer Seite so war und er
den Kopf einfach nicht ablegen konnte. Auch, dass er abends immer schrie und ich
ihn nicht beruhigen konnte, war für mich "normal". Babys schreien
eben manchmal...
Vier Wochen nach der U3 hielt ich es nicht mehr aus. Das
C war so stark, dass er seine Lage selbst dann nicht veränderte, wenn ich
ihn auf den Arm nahm. Ich dachte, wenn mit drei Zaubergriffen alles getan ist,
warum soll ich Ben noch zwei Wochen leiden lassen?! Also ging ich einfach ohne
Termin bei dem Orthopäden 1 vorbei. Er behandelte Ben "manualtherapeutisch",
was auch immer das bedeuten mochte. Ich setzte große Hoffnungen darauf.
Nach 5 Wochen sollte ich wiederkommen.
Als ich keine Besserung festellte,
ging ich einfach zum eigentlichen Termin (also zwei Wochen nach der ersten Behandlung)
noch einmal hin. Er "behandelte" wieder und wir bekamen eine Überweisung
zur Vojta-Gymnastik. Darauf stand etwas von C-Skoliose und zentraler Koordinationsstörung.
Der Orthopäde 1 erklärte mir lediglich, dass zentrale Koordinationsstörung
nicht bedeuten würde, dass mein Kind "dumm" sei und dass die Kinder
bei der Vojta-Therapie weinen würden, ich solle nicht erschrecken, es würde
helfen.
Auf meine Frage, woher diese Fehlhaltung kommt, antwortete er: beengte
Lage im Mutterleib oder komplizierte Geburt...
An dieser Stelle möchte
ich darauf hinweisen, dass ich als Mutter nur diese wenigen hier geschilderten
Informationen erhielt.
Ich war nervös, weil sich nichts verbesserte
und die Zeit verging. Mein Sohn fing an sich zu drehen... darüber war ich
entsetzt, weil ich dachte, wenn er es noch nicht einmal schafft gerade zu liegen,
wie sollen die anderen Bewegungsabläufe richtig werden?!
Alles, was
er auf diesem für mich "falschen" Grundkonzept aufbaut, kann auch
nur "falsch" werden.
Ich verstand die Ruhe des Arztes nicht! Aber
auf mein Fragen hin bekam ich die Antwort, im ersten Lebensjahr hat das Zeit...
auch die Kinderärztin teilte diese Ruhe und hielt sich für "modern",
weil andere Ärzte eben gar nicht reagierten, da die meisten Kinder sowieso
von alleine gerade würden (sinngemäß).
Ich aber war nervös
und wollte meinem Sohn helfen, aber wie?
Die Vojta-Therapie begann. Die Übungen,
die ich lernen mußte, sollte ich zu Hause alle drei bis vier Stunden wiederholen,
damit Ben sich an die richtigen Muster der Muskulatur "erinnert" und
sie zu nutzen lernt. Nach dieser Information beschloß ich, mir Literatur
zu besorgen.
Wie will dieser Vojta meinen Ben "gerade" kriegen?
Ich kaufte sein Buch (rund 40 Euro) und las es innerhalb weniger Tage. Die wichtigsten
Informationen waren für mich, dass Vojta der Ansicht ist (sinngemäß),
man muß so schnell wie möglich helfen und man hat keine Zeit zum Abwarten,
ob es sich eventuell von alleine gibt, weil es sich sonst verschlechtert, weil
die Grundvoraussetzungen eben nicht stimmen... Desweiteren fand ich viele verschiedene
Lagereaktionen erklärt, die zeigen sollen, ob alles in Ordnung ist. Ich probierte
sie alle an meinem Ben aus und befand fast alle für einigermaßen normal
(schließlich fehlt mir die Übung und das geschulte Auge). Den schwersten
Ausfall stellte ich fest, bei der Reaktion, bei der das Kind auf dem Rücken
vor einem liegt und man es an den Knien faßt und es schnell "hochreißt",
so dass es kopfüber vor einem hängt. Vojta schrieb dazu, dass ein Ausfall
hier bedeutet, dass das Kind mit am schwierigsten zu therapieren sei. Er erklärte
leider nicht warum. Heute denke ich zu wissen, warum Vojta hier scheiterte, aber
dazu später.
Die Theorie von Vojta, dass durch die jederzeit, beliebig
oft abrufbaren Reflexe, die Kinder merken, wie es "richtig" geht, erschien
mir logisch unter der Prämisse, dass die Fehlhaltung im Mutterleib "erlernt"
wurde...
Kurz vor dem Ende der Vojta-Therapie, die nach meinem Gefühl
nichts verändert hatte, sagte die Therapeutin, dass sie an Ben nicht herankäme,
er sei wohl "blockiert" und das müßte erst gelöst werden,
bevor sie etwas erreichen kann.
(Da denke ich, liegt übrigens der "Stein
der Weisen"! Eine Blockade muß gelöst werden, damit alles normal
funktionieren kann!!! Dann stimmen auch die Lagereaktionen!!! Das Bild eines eingeknickten
oder verdrehten Wasserschlauches verdeutlich wohl am ehesten, wie sich so eine
"Blockade" auswirkt. Irgendwie funktioniert es schon, aber eben nicht
richtig.)
Allerdings fiel das Wort "blockiert" hier zum ersten
Mal. Sie empfahl uns zusätzlich eine CranioSacraleTherapie zum Lösen
möglicher weiterer Blockaden. Die Therapie wird nicht von den Kassen getragen.
Das war mir egal, jede Chance würde ich nutzen, damit mein Ben sich gesund
und normal entwickeln kann.
Deshalb war ich auch noch bei einer weiteren
Ärztin, einem Osteopathen (auch privat finanziert) und eben der CST, sowie
bei einem weiteren Orthopäden und Chiropraktiker 2, der die Atlastherapie
nach Arlen anwendete.
Auch diese Form der Behandlung erschien mir logisch
und wenn eben der Orthopäde 1 mich bei der dritten Untersuchung mit den Worten
"mehr kann ich manualtherapeutisch nicht tun, der Kopf ist frei, den Rest
müssen die Muskeln übernehmen", entläßt, dann versuche
ich, nachdem Ben immer noch wie ein C aussah und sich absolut nichts verändert,
geschweige denn gebessert hatte, ob ein anderer Arzt die Blockade lösen kann.
(Denn dass Ben so bleiben sollte, wollte ich nicht hinnehmen.)
Übrigens
war Orthopäde 2 der einzige, der die Lagereaktionen überprüft hat,
die anderen begnügten sich (soweit ich das beobachten und beurteilen kann)
mit dem Versuch, bei dem das auf dem Rücken liegende Kind in den Sitz gezogen
wird und dabei auf den Kopf geachtet wird. Auch bei der U3 konnte ich keine andere
Lageüberprüfung (nach Vojta) festellen! Alle, außer Dr. Sacher
(auf den komme ich später zu sprechen) befanden diesen Versuch für unauffällig.
Arzt 2, welcher Ben mit der Atlastherapie (übrigens auch keine Kassenleistung)
behandelte, stellte mehrere Ausfälle in den Lagereaktionen fest. Er sagte,
er würde da mal was versuchen, wenn es nicht klappt, versuchen wir die andere
Seite nochmal... Und er "versuchte da mal was". Um den Erfolg seiner
Behandlung zu kontrollieren, führte er einige Lagereaktionen unmittelbar
nach der Behandlung durch. Sogar ich konnte beobachten, dass sie immer noch nicht
stimmten. Nach 4 Wochen sollte ich wiederkommen. In der ersten Woche stellte ich
nur Verbesserungen fest. Ben war gerade, er konnte den Kopf nach links drehen,
er hob die Beine in Rückenlage vom Boden ab (vorher konnte er sie nicht tragen)...
Leider verschlechterte sich alles nach einer Woche wieder und ich ging nach zwei
Wochen erneut zu diesem Arzt, der wieder behandelte - ohne Erfolg.
Bei der
Telefon-Hot-Line der Krankenkasse bat ich um weitere Möglichkeiten der Behandlung.
Dort sagte man mir, ich habe eigentlich alles was hilft schon ausprobiert und
eine letzte Möglichkeit wäre ein Gipsbettchen. Allerdings empfahl mir
die Dame im Internet zu suchen.
Mit Hilfe der Suchbegriffe "Atlastherapie"
und "C-Skoliose" fand ich die Seite www.kiss-kid.de .
Hier gab
es neben der Erklärung, was Kiss bedeutet (Kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung)
und welche Symptome es haben kann und wie es behandelt und therapiert werden muß,
ein Eltern-Forum.
Ich merkte schnell, dass ich richtig war und auch, was
ich tun mußte.
In der Symptombeschreibung erkannte ich mein Kind sofort
wieder (Dreimonats-Koliken, Zwangshaltung, Asymmetrie wie ein C, Pofaltenasymmetrie,
Schlafprobleme, Stillprobleme, weil das Kind nicht entspannt liegen kann, Spucken,
Sabbern - von der Kinderärztin übrigens als normal abgetan).
Im
Eltern-Forum wurde deutlich darauf hingewiesen, dass für eine wirklich erfolgreiche
Behandlung ein Röntgenbild notwendig ist. Das hatte bisher keiner gemacht
und auch, dass das ganze Problem unter Kiss zusammengefaßt werden kann (letztlich
ist der Name egal, der Behandlungserfolg zählt!), erfuhr ich erst hier.
Eine Mutter empfahl mir das Buch von Dr.Biedermann "Kiss-Kinder", welches
ich sofort kaufte (rund 30 Euro) und "verschlang". Ich konnte meinen
Verdacht erhärten und erfuhr mehr über die Behandlungsmethoden von Dr.Biedermann.
Wichtig ist ein Röntgenbild, um knöcherne Fehlbildungen auszuschließen
und anatomische Besonderheiten zu erkennen. Desweiteren wird nach den Erfahrungen
der Eltern gefragt (keiner der uns hier in Berlin behandelnden Ärzte hat
sich "freiwillig" mit mir unterhalten, ich mußte alles selbst
erfragen - deshalb dauerte es so lange, bis ich Ben helfen konnte. Ich hatte ja
keinerlei Ansatzpunkte...), ein Anamnesefragebogen muß ausgefüllt werden.
Auch Fotos sind erwünscht, sowie ein "Spickzettel" mit Fragen,
weil man die sonst vergißt... Außerdem erfolgt eine schriftliche Rückmeldung
nach der Behandlung durch die Eltern, was hat sich verbessert?!, d.h. die Ärzte
kennen die Resultate ihrer Behandlung - nicht nur der Aspekt der Fehlstellung
spielt dabei eine Rolle...
Dr. Biedermann geht davon aus, dass die meisten
Säuglinge und Kinder nur ein einziges Mal manualtherapeutisch behandelt werden
müssen, wenn es richtig und rechtzeitig gemacht wird. Und er hat festgestellt,
dass die erste Behandlung die meisten Erfolgschancen hat. Er nutzt dazu folgenden
Vergleich: Das ist wie mit einer Pappe, bei der man am Lineal entlang mit dem
Messer einen geraden Schnitt machen möchte, rutscht man ab, ist es schwer,
wieder auf den geraden Weg zu gelangen.
Da er nur mit "Kiss-Kindern"
arbeitet, halte ich ihn (und seine ähnlich arbeitenden Kollegen) für
kompetenter und spezialisierter in bezug auf die Problematik meines Sohnes, als
die Ärzte aus Berlin, die eigentlich nur so "nebenbei" auch "solche"
Kinder behandeln wollen, ohne aus meiner Sicht und meinen bisherigen Erfahrungen
(uns wurde nicht geholfen) umfassend genug informiert, geschweige denn ausgebildet
zu sein.
Im Internet sind vier Ärzte für ganz Deutschland angegeben,
die auf diese Weise (mit der HIO-Technik) arbeiten. Ich konnte hier Kontakt mit
Eltern aufnehmen, die schon bei diesen Ärzten mit ihren Kindern waren und
die jetzt gesund sind!!! Auch unzufriedene Berliner Eltern, die in Berlin versuchten
(teilweise bei denselben Ärzten, die unseren Weg begleiteten) ihren Kindern
zu helfen, waren vereinzelt anzutreffen.
Die Erfahrungen der Eltern mit diesen
vier Spezialisten machten mir Mut und neue Hoffnung.
Ich vereinbarte einen
Termin in Dortmund bei Dr. Sacher, dem Partner von Dr. Biedermann. Auch Dr.Sacher
zeigte nach der Behandlung einige Lagereaktionen, die jetzt aber stimmten. Insgesamt
sind wir sehr zufrieden. Ben öffnet seine Hände beim Stützen und
Robben, d.h. die Fäuste sind größtenteils verschwunden, er kann
den Kopf nach links drehen, vor allem, ohne dass der ganze Körper im Einsatz
ist und er tut dies auch freiwillig, er spuckt weniger, er kann seine Füße
in den Mund stecken, was vorher durch die Beckenblockade nicht möglich war,
seine Pofalten sind symmetrisch, seine Schlafhaltung (überstreckt und im
C) hat sich normalisiert...
Leider spürten und spüren wir, dass
die Theorie der uns betreuenden Berliner Ärzte "im ersten Jahr haben
Sie Zeit..." nicht der richtige Ansatz sein kann, um dem betroffenen Kind
und den Eltern adäquat zu helfen.
Hätte man durch rechtzeitiges
und richtiges Handeln und Behandeln die Blockaden gelöst und somit eine normale
Entwicklung gewährleistet, bräuchte man nun nicht in der Physiotherapie
die Muskulatur auf Vordermann bringen, die monatelang nur die Fehlhaltung kannte,
die die Schmerzen aufgrund der Blockade/n erträglich machte. Zudem hätten
diese Monate (auch schon mit anstrengender Vojta-Therapie, die aufgrund der noch
vorhandenen Blockaden nicht funktionieren konnte...) nicht stattfinden müssen,
schließlich erkannte man zumindest einen Teil des Problems schon bei der
U3.
D.h., wären die Berliner Ärzte, was die Kiss-Symptomatik betrifft
nicht so "blind" gewesen (ob aus Unwissenheit, fehlender Weiterbildung
und -entwicklung oder gar Ablehnen der Theorie, was ich mir eigentlich nicht vorstellen
kann, denn am Hals "behandelten" alle...) hätte Ben nicht 7 Monate
lang mit diesen Einschränkungen leben müssen, die sowohl ihm, als auch
uns das Leben erschwerten und somit das gemeinsame erste Jahr trübten.
Übrigens sprach ich den Orthopäden 2 direkt auf eine Beckenblockade
bei Ben an. Er hat keine Blockade festgestellt. Dr. Sacher fand aber eine Blockade
im Becken und löste sie - die Pofalten sind symmetrisch und Ben kann auch
den rechten Fuß in den Mund nehmen.
Wenn Ärzte sich eingestehen
würden, dass sie an einem gewissen Punkt nicht mehr weiter wissen bzw. nicht
kompetent genug sind, um selbst Hilfe zu leisten, und stattdessen auch Kollegen
oder zumindest Informationsquellen für die Eltern empfehlen würden (dazu
müßten sie allerdings Zusammenhänge erkennen können!), könnte,
so glaube ich, manchem Kind schneller bzw. überhaupt geholfen werden. Denn,
wenn ich in unserem Fall nicht die Initiative ergriffen hätte und an den
Aussagen der Ärzte gezweifelt hätte, wäre unserem Sohn hier in
Berlin nicht geholfen worden!
