Odyssee
von Elias
09.06.2004:
Wir haben beide die Tränen in den Augen, der schmutzige, stinkige Hase hopst
auf meinem Schoß herum. Anders kann ich Dich leider nicht beruhigen, Kleini!
KNACK ! Olaf (mein Mann) und ich sehen uns erschrocken an. Noch ein paar
Mal, Knack, Knack!!
"So, dass war es erst mal", sagt Dr. Sacher
und reicht uns unseren weinenden 7 Monat alten Sohn Elias.
"Ob wir uns
in 8 - 10 Wochen noch mal sehen, entscheiden Sie und Ihre Krankengymnastin, auf
jeden Fall aber vor Weihnachten."
Er erklärt uns noch, dass unter
Weinen erstellte Röntgenbild, wobei Olaf und ich mit erheblichem Kraftaufwand
unseren Sohn fixieren mussten.
Elias
hat die letzte Zeit meiner Schwangerschaft mit dem Kopf nach unten auf der rechten
Seite gelegen. Die Geburt endete mit einem Kaiserschnitt, wobei Sohni vorher aber
schon 16 Stunden Geburtskanal und ich 16 Stunden Wehen hinter mir hatte. Unser
kleiner Muck lag 2 Tage im Wärmebettchen da er Atemprobleme hatte.
Ich
versuchte auch ihn zu stillen, was ich dann nach gut 2 Wochen aufgab. Elias trank
nur an der rechten Seite, welche mittlerweile schon doppelt so groß war
wie die linke.
Langsam bemerkten wir dann, dass vielleicht etwas mit seinen
Augen nicht stimmte. Er schaute immer nach oben links und reagierte auch kaum
auf Geräusche. Es brachte auch nichts, ihn auf die andere Seite des Bettchens
zu legen. Seine Bewegungsabläufe sahen ebenfalls "kompliziert"
und anstrengend aus.
Die
Odyssee beginnt:
U3:
Alles O.K. aber Kontrolle der Hüfte bei U4 erwünscht.
19.01.2004:
Babymassage
Elias weint und mag es gar nicht. Fast alle anderen Babys schauen
sich um und strampeln, aber nicht Elias.
Stuhlprobleme: 5 Tage kein Häufchen
(Hebamme: das kann schon mal vorkommen) Hilfestellung bis ca. zum 5. Monat
U4:
27.01.2004: Hüfte O.K. Kinderarzt Dr. R. schreibt Überweisungen zur
Kontrolle der Augen beim Augenarzt, Hörtest beim HNO und Nr. 3 ist für
die Kinderklinik zum EEG.
Gleicher
Tag: Termin bekommen beim Augenarzt Dr. F.
Elias wird in ein Tuch eingewickelt,
2 Arzthelferinnen halten ich fest und heben sein Ober- und Unterlid. Elias weint
und wehrt sich, ich auch. Kommentar des Fachmanns, der mal kurz in die Augen geleuchtet
hat: " Fahren Sie morgen mal in die Augenklinik nach Hagen, ich kann hier
keine Netzhaut erkennen."
SCHOCK!!! IST UNSER KIND BLIND? Man versucht
mich zu beruhigen, was kaum möglich ist.
28.01.2004:
Augenklinik Hagen: Elias bekommt jede halbe Stunde Augentropfen. Eine sehr nette
und in unseren Augen erfahrene Augenärztin der Sehschule weißt uns
darauf hin, dass unser Sohn schief liegt und der Kopf nach recht fällt. C-HALTIUNG
Elias wird untersucht, diesmal auf die gliche Weise aber mit Augenklammern. Ich
verlasse den Raum und mein Mann bleibt bei dem Kleinen. Das Schreien war noch
3 Gänge weiter zu hören.
DIAGNOSE: Alles O. K.
02.02.2004:
Ohrenarzt: Junge Frau, die sehr unbeholfen ausschaut. Vertretung, da Arzt nicht
anwesend.
Es wird ein Hörtest gemacht, bei welchem ich mein weinendes
und zappelndes Kind auf dem Arm halten darf.
DIAGNOSE: "Tja, er scheint
nicht alle Töne zu hören (wie auch?) am Besten Sie fahren mal in die
HNO-Klinik. "
Hier wurde ich dann zum 1. Mal "unfreundlich".
Diese Idee wurde abgelehnt und ich verließ die Praxis.
Nachdem
meine Freundin Tina mir erzählte, dass ihr Sohn, mein Patenkind Danny, einen
Schiefhals hatte und mit ihm vor 8 Jahren bei der Krankengymnastik war, fing ich
an, mich zu informieren. Mir fiel ein Buch von einem Dr. Biedermann in die Hand,
welches vom "KISS-Syndrom" handelte. KOPFGELENKS-INDUZIERTE SYMMETRIE
STÖRUNG.
Ein Erkennungsmerkmal ist z. B. die C-HALTUNG.
Andere Wörter:
Muskulärer Schiefhals, physiologische Säuglingsskoliose,
Atlasfunktionsstörung
oder Atlasblockade.
Da Elias rechte Gesichtshälfte kleiner, und seine
Kopfform an einer Seite platt und Schief wurde lichtete sich der Nebel vor unseren
Augen langsam.
04.02.2004:
EEG in der Kinderklinik in Schwelm:
Elias liegt unter Vollnarkose in einem
weißen Gitterbettchen, an Elektroden angeschlossen und rührt sich nicht.
Ich kann nicht mal mehr heulen, erst als der Kleine, noch benommen von der Narkose,
untersucht wird und die Chefärztin meint, er sei ja schon um einiges zurück
geblieben, kann ich nicht mehr. Man solle doch noch ein MRT machen hier in der
Klinik, aber vielleicht auch erst mal Krankengymnastik.
06.02.2004:
Olaf, Elias und ich besuchen noch mal Dr. R. den Kinderarzt, er hatte schon mit
der Kinderklinik telefoniert und verordnet uns Krankengymnastik bei Frau Krüger
in Gevelsberg.
Rezept: 10 x KG Ganzbehandlung neurophysiologisch mit Anleitung der Mutter Asymmetrie
mit vermehrter Kopfwendung links u. Neigung nach rechts
Für meinen Mann und mich stand nun schon fast fest: KISS
13.02.2004:
18.00 Uhr: Elias, Olaf und ich haben unsere 1. "Turnstunde" bei Frau
Krüger. Uns wird beigebracht, wie wir Elias in Zukunft tragen, anziehen,
halten hinlegen und aufnehmen sollen. Schlafen soll er hauptsächlich auf
der rechten Seite und auch zwischendurch mal auf der linken. Er wir mit dem Stillkissen
im Rücken fixiert, gefallen tut ihm das so gar nicht und wir haben manche
schlaflose Nacht.
Wir versuchen Verwandten, Freunden und Bekannten beizubringen,
wie man mit unserem Schatz umgehen soll. Bei wenigen ist uns das auch gelungen,
bei den anderen stießen wir entweder auf Angst, Missverstehen oder Nicht-Wollen.
Die Sätze: " Ach, dass wird schon" und " das hat der
und der auch gehabt " streichen wir bald aus unserem Wortschatz. Es geht
hier um UNSEREN Sohn.
Zwischenzeitlich
informierten wir uns im Internet weiter und fanden die Seite:
www.kiss-kid.de
und lasen von Dr. Sacher der ehemals eine gemeinsame Praxis mit Dr. Biedermann
führte.
04.03.2004:
Besuch beim Kinderarzt. Besserung der Augen- und Kopfbewegung.
Elias
entwickelt sich ganz normal, nur langsamer als andere Babys. Er mag es nicht auf
dem Bauch zu liegen, aber da wir auch zuhause täglich Krankengymnastik machen,
wird auch das besser. Der Kopf fällt allerdings immer noch nach rechts.
Kommentare vieler Leute: " Man sieht ja gar nichts". "Der Kleine
ist doch wie alle anderen auch."
U5:
23.04.2004: Besserung aller Bewegungen
Unsere
Krankengymnastin Frau G. Krüger in Gevelsberg ist super. Elias geht gerne
zum Turnen. Da aber auch sie es nicht zu 100 % hinbekommt das unser Kleiner gerade
wird ( das Köpfchen ist wieder fast ganz rund), Schickt sie uns zu Dr. Sacher
in Dortmund ENDLICH!! Es fällt unserem Schatz sehr schwer sich in der Bauchlage
abzustützen und er dreht sich nur über die rechte Seite. Mittlerweile
ist Elias 7 Monate alt.
Wir haben zwar Angst, weil der Kleine in so kurzer
Zeit schon so viel ertragen musste, aber nach neuen Erkundigungen sitzen wir am
09.06.2004 mit Zuversicht und Hoffnung im Auto und fahren nach Dortmund.
Es
sind jetzt 3 Tage vergangen und Elias Bewegungen werden schon sichtbar besser.
Nächste Woche besuche ich unseren Kinderarzt um ein neues Rezept zur Krankengymnastik
zu benommen und um zu erfahren, warum man uns so lange hat leiden lassen.
Dr.
Sacher rechnet übrigens nur privat ab. Mal sehen, was unsere Krankenkasse
sagt, wenn wir die Rechnung einreichen. Wir können uns die Behandlung zwar
leisten, aber sicher nicht alle Eltern.
Heute
ist der 08.07. wir machen jetzt noch 10 x KG und hoffen auf eine weitere Besserung.
Wenn Elias bis August krabbelt, brauchen wir erst Ende des Jahres zur Kontrolle
bei Dr. Sacher.
Warum
schreibe ich unsere Geschichte?Es wird geschätzt, dass 10 % aller Kinder
ein KISS-Syndrom haben. Eine Studie ist leider im Moment nicht bekannt. Ein nicht
oder zu spät behandeltes KISS-Syndrom kann Folgen haben. Z.B. Wahrnehmungsstörungen,
eingeschränkte Motorik, Schreib-, Lese- und Malschwäche.Dr. Sacher in
Dortmund hat einen Vortrag über das KISS-Syndrom gehalten, welchen man auf
der Internetseite: www.kiss-kid.de nachlesen kann.
Laut einer Studie des
Dr. Biedermann waren 36,6 % der Kiss-Kinder Mädchen und 63,7 % Jungen.
Wenn
alle Kinder so "behandelt" werden wie unser Elias, wird die "Krankheit"
entweder gar nicht oder zu spät erkannt.
Sicher
ist das KISS-Syndrom nicht so schlimm wie Krebs oder AIDS, aber es fängt
mit den Kleinen Dingen an.
Elias, Olaf und Barbara
